Rückblick

Challenge Industrial AR/VR
Next Industry ExpertTalk: Mit AR/VR jetzt starten!


Schnickschnack für Consumer? Von wegen! Virtuelle Technologien wie AR und VR zeigen sich heute auch im B2B-Bereich von ihrer starken Seite: auf dem Factory Floor, im Service und am Point of Sale. So das Learning vom Next Industry-ExpertTalk "Challenge Industrial AR/VR". Deshalb ist es höchste Zeit, mit AR/VR im Unternehmen zu beginnen.

Welche Rolle spielen Augmented und Virtual Reality im Rahmen der digitalen Transformation? Antworten auf diese und andere Fragen gaben die Referenten beim Next Industry-ExpertTalk "Challenge Industrial AR/VR“ am 19. Juli 2018 in Stuttgart. Dabei wurde deutlich: Galten die „virtuellen Technologien“ bisher als "Schnickschnack" für den Verbrauchermarkt, so sind AR/VR mittlerweile im B2B-Bereich angekommen und haben das „Zeug“, unsere Arbeitswelt komplett umzukrempeln.

Ob als Werkerführung in der Airbus-Montage, zur Unterstützung von Servictechnikern in der Chemieindustrie oder als erlebnisstarkes Instrument für die Schulung von Mitarbeitern und Kunden: Das Anwendungsspektrum der Mixed-Technologien ist enorm, wie die spannenden Impulsvorträge, Platform Tracks und Livedemos in Stuttgart unterstrichen. Auch an verschiedenen Touchpoints mit dem Endkunden kann VR seine Stärken ausspielen. So lässt sich ein neues Automobil heute nicht nur virtuell konfigurieren, sondern dank „Audi VR Experience“ bei ausgewählten Audi-Autohändlern sogar virtuell Probe fahren. Und so hatte Jens Angerer, Leiter des Audi Production Lab, auf die Frage einer Teilnehmerin, wann man im Unternehmen mit AR/VR starten solle, eine klare Antwort: "Jetzt!"

Loslegen, experimentieren und auch mal Fehler machen
Loslegen und experimentieren, aber stets bereit sein, auch einmal Fehler zu machen und aus diesen zu lernen – lautete die Empfehlung des sympathischen Digitalexperten aus Ingolstadt. Denn selbst bei einem Global Player wie Audi bringt das eine oder andere Digitalprojekt nicht den erwarten Benefit. Ausgerechnet eines einer Lieblingsprojekte - ein AR-basiertes Werkerführungssystem für den Bereich Engine Assembly, das die Mitarbeiter über ein Head-up-Display über die erforderlichen Montagschritte informieren wollte – lief, wie Angerer mit erfrischender Offenheit berichtete, kostenseitig komplett aus dem Ruder. „Heute erreicht man gleiche Ziel mit einem Monitor am Arbeitsplatz“, schmunzelte der Audi-Digitalfachmann. Sein Learning und das seines Teams: Viel zu „technisch“ sei man an das Projekt herangegangen. „Wir haben nicht berücksichtigt, was die Anwender wirklich brauchten.“

Aber wenn man schon mit einem AR/VR-Projekt scheitert, dann wenigsten schnell und „billig“. Folglich sei es wenig ratsam, vor dem Einstieg in die 3D-Technologie, eigene AR/VR-Kapazitäten im Unternehmen aufzubauen, so die einhellige Meinung mehrerer Referenten und Diskutanten. Prof. Dr. René Peinl (Hochschule Hof), der gemeinsam mit Next-Industry-Publisher Bernd Meidel den ExpertTalk moderierte, plädierte dafür Experten und Expertise aus der (Fach-)Hochschulwelt einzubeziehen. Ähnlich das Argument von Prof. Rahman Jamal, Business & Technology bei National Instruments: „Es gibt heute keine Firma mehr, die alles alleine macht. Das ganze Ökosystem ist wichtig.“

Partnerschaften bringen den Erfolg
Wie eine erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen Unternehmen und Wissenschaft aussehen kann, schilderten Reinhard Hintze, Project Manager Packing bei der PTS Logistics GmbH, und Prof. Dr. Sven Hermann, Geschäftsführer der ProLog Innovation GmbH und Professor an der Northern Business School. Kerngeschäft der in Bremen ansässigen PTS Logistics GmbH sind Transportverpackungen für Maschinen und Anlagenkomponenten, wobei, so Hintze, viele Arbeiten bisher „mit Zollstock und Papier erledigt“ werden. Im Rahmen ihres gemeinsamen Projekts untersuchen beide Partner am „konkreten Objekt“, wie diese manuellen Tätigkeiten durch Augmented Reality ersetzt und der gesamten Verpackungsprozess optimiert werden kann. In Erprobung ist bei PTS derzeit die Microsoft HoloLens, mit der dem zuständigen Verpackungstechniker Angaben über Abmessungen und Gewichte sowie weitere verpackungsrelevante Informationen über das zu verpackende Gut „zugespielt“ werden. Später auf der Baustelle kann sich der Techniker mithilfe der Datenbrille einen Überblick über den Inhalt der Transport-„Kisten“ verschaffen. In einem nächsten Schritt soll laut Hermann der Einsatz von Tablets und Handys anstelle der HoloLens getestet werden.

Datenbrille, Tablet oder Smartphone ist hier die Frage
Stichwort Endgerät: Was setzt sich durch? Brille, Tablet oder Smartphone? Nach Einschätzung von PTS-Projektmanager Hintze hängt das in erster Linie von der jeweiligen AR-Anwendung ab. Das Smartphone sieht der Projektmanager als praktikable und kostengünstige Lösung, wenn man die Hände frei für andere Tätigkeiten haben muss. Ähnlich die Auffassung seines Prof. Hermann. Vor allem in Endkundenbereich, so der Hochschullehrer, sei das Smartphone sicher das Gerät der Wahl.

Bei Montage- oder Kommissionieraufgaben dürfte hingegen weiterhin die Datenbrille das geeignete „Asset“ sein. Technische Probleme wie die oft zu hohe Latenz oder die Nutzung ungeeigneter Software sind nach Einschätzung des Audi-Digitalexperten Jens Angerer ohne Probleme lösbar. Mehr Schwierigkeiten bereiteten den Trägern hingegen das hohe Gewicht üblicher AR-Brillen. Auch sei der Fokus dieser Brillen für viele Montageaufgaben zu gering. In der Fertigung, so Angerer, genügten oft einfache Wearables wie Smart Watches, um die Werker mit den für ihre Arbeit notwendigen Informationen zu versorgen.

Christian Tarragona, Senior Vice President R&D bei Kuka, ging noch einen Schritt weiter. Vermutlich müsse man in Zukunft gar keine AR- oder VR-Brille mehr aufsetzen. Schon heute seien viele Menschen bereit, ihren Körper durch „Maschinenkomponenten“ zu optimieren, um direkt mit den Maschinen zu kommunizieren. „Wenn Maschinen oder Roboter immer mehr können, will ich wissen, was sie als nächstes machen werde. Dazu will direkt mit kommunizieren können“, umriss Tarragona seine Zukunftsvision.

Gesucht: das passende Geschäftsmodell
Doch zurück zum Grundsätzlichen. AR oder VR – welche Technik eignet sich besser für den Einstieg in die xR-Welt? VR ist nach Meinung von Jens Angerer das reifere Verfahren, AR als Technik noch eher im Kommen. „Womit man anfängt, kann man das aber nur individuell für das eigene Unternehmen beantworten“, gab der Audi-Manager zu bedenken.

Letztlich komme es darauf an, welches Geschäftsmodell hinter den eigenen AR/VR-Aktivitäten stecke. Doch genau da tue sich die deutsche Industrie immer noch schwer, diagnostizierte Kuka-R&D-Manager Tarragona. „Die Amerikaner haben beim Internet die Nase vorn“, ergänzte Rahman Jamal von National Instruments, „die Deutschen bei den Things.“ So neigten deutsche Unternehmen dazu, die Bedeutung der Software zu unterschätzen, womit man es den Amerikanern leicht mache, die Online-Welt mit serviceorientierten Plattformen auf den Kopf zu stellen.

Zum Kunden hingehen und fragen, was er haben will, wo seine Schwerpunkte sin, riet Dr. Barbara Frei, CEO der Schneider Electric GmbH. Dann müsse man mit dem Kunden zusammen die passende Lösung entwickeln. Nach Einschätzung der Managerin sind das gewöhnlich Integrationslösungen, die das bereits Bestehende einbinden. „Man kann nicht verlangen, dass der Kunde es wünscht, alles von einem einzigen Anbieter zu bekommen“.

VR geht auch ohne Programmierung
Dass „xD“ auch ein Nummer kleiner (bodenständiger) geht, bewies schließlich Dr. Ralf Illenberger mit einem virtuellen Rundgang durch das Betriebsgelände der Vogel Communications Group in Würzburg. Der gelernte Fernsehmann und Gründer der Viond hat voll und ganz professionellen interaktiven 360°/VR Experiences verschrieben. Viond bietet die Plattform zur Erstellung und Veröffentlichung solcher Rundum-Erlebnisse und ermöglicht Kreativen und Unternehmen ohne spezielle VR-Programmierkenntnisse per Drag & Drop das Kreieren interaktiver 360º/VR Experiences, die dann über die Viond Player Apps auf diversen Endgeräten veröffentlicht werden können.

Eine „bezahlbare“ Panoramakamera wie die Theta-Modelle von Ricoh sind ein guter Einstieg, um „ansehbare“ 360°-Resultate zu generieren. Hauptvorteil des 360° Experience ist laut Illenberger: „Der Nutzer erlebt nicht nur. Alles wird zu einer Erinnerung“. Im Fokus von Viond: Marketeers und Werbetreibende, aber Unternehmen, die solche 360° Experiences für Kunden- oder Mitarbeiterschulungen nutzen.

VR vermittelt Informationen auf "gelernte" Weise
Dr. Kimo Quaintance, Co-Founder und Education Strategyst von IQ Gemini, machte in seiner Keynote deutlich, warum xR Erlebnisse und Erinnerungen schafft. „AR und VR sind Technologien, die uns Informationen im Raum vermitteln, also auf eine gelernte Weise. Dadurch spricht AR/VR auch die emotionale Seite des Menschen an.“ Davon konnte sich, wer wollte, auch an den Ständen der Partner und Aussteller – realworld one und Viscopic – überzeugen. Und: Es wollten viele.

Fazit: Der ExpertTalk "Challenge Industrial AR/VR“ war der gelungene Einstieg in ein neues Veranstaltungsformat, das durch eine begrenzte Teilnehmerzahl, aber auch durch die „Nähe“ von Zuhörerschaft und Referenten Hemmschwellen vermied, die für große Events typisch sind. Ungewöhnlich rege war die Teilnahme des Publikums. Es wurde viel wurde gefragt, viel diskutiert - auch in den Pausen und beim abschließenden Get-together mit Aperitif und Fingerfood.

Weitere Informationen zu Next Industry und den nächsten ExpertTalks.

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